Zuschauer-unfreundliches neues Fernsehen
Eine ganze Hand voll Anbieter sorgt heute dafür, dass Fernsehen in die heimische Wohnung kommt. Doch bei allem, was über den Standardumfang der gängigen öffentlich-rechtlichen und privaten PAL-Sender wie ARD, ZDF, RTL-Gruppe, ProSiebenSat.1-Gruppe, einiger Spartenprogramme etc. hinausgeht, wird selten an den Kunden gedacht; es werden Grabenkämpfe der konkurrierenden Anbieter ausgetragen. Viel häufiger wird geschaut, wie man die eigenen Inhalte schützt, den Kunden gängelt und ihn trotzdem noch – am besten langjährig bindet.
Ich bin jemand, der gerne Fernsehen schaut, auch gerne mehr als nur die oben erwähnten Sender, gerne auch Pay-TV, gerne auch HD. Die beste und umfangreichste Möglichkeit fürs Fernsehen ist momentan der Satellit. Auf den Astra-Satelliten tummeln sich zurzeit hunderte deutschsprachige TV-Sender, von denen sicherlich vieles Müll ist (man zähle einfach nur die Sender, die rund um die Uhr Standbilder mit Sex-Hotlines in niedrigster Bitrate senden) – aber der Zuschauer hat immerhin die Wahl. Auch in Sachen Pay-TV besteht dort die Möglichkeit über die beiden Anbieter Sky und Arena-SAT sich sein Programm zusammenzustellen. Und für HDTV gibt es aus dem All auch alles, was der deutsche Markt bisher an hochauflösenden Sendern hervorgebracht hat. Doch es brauen sich auch hier einige dunkle Wolken am Himmel zusammen …
HD+ von Astra

Logo HD+
Die Blume HD scheint momentan ein wenige aufzublühen, ist der Start der Hauptsender doch in greifbare Nähe gerückt. Doch was passiert? Die RTL- und die ProSiebenSat.1-Gruppe schließen sich bei HDTV dem neuen Projekt HD+ von Astra an, der Quasi-Nachfolger des gescheiterten Projekts Entavio. Mit HD+ wird der Zuschauer die Möglichkeit haben, RTL HD, VOX HD, ProSieben HD, Sat.1 HD und Kabel eins HD zu empfangen (wobei zuerst ein Großteil des Programms einfach nur hochgerechnetes PAL ist). Der Nachteil ist jedoch: für – inklusive der Werbeblöcke – inhaltlich identische Programme muss eine Gebühr von wahrscheinlich rund 5 Euro monatlich bezahlt werden … Grundverschlüsselung also durch die Hintertür.

Aufnahme verboten!
HD+ setzt auf CI+, einer Weiterentwicklung der bisher verbreiteten Variante CI (Common Interface). Vorteile entstehen dem Nutzer hieraus nicht, Nachteile hingegen schon. So hat der Sender nämlich die Möglichkeit den Zuschauer einzuschränken, u. a.:
- Aufnahmen auf Festplatte bzw. Time-Shifting können verboten werden.
- Die Speicherdauer von aufgenommenen Sendungen (auch im Time-Shift) können festgelegt werden. Nach Ablauf dieser, werden die Inhalten dann automatisch von der Festplatte gelöscht werden – egal ob schon angesehen oder nicht (besonders unangehm wenn man im Urlaub ist).
- Das Überspringen/Überspulen der Werbung kann unterbunden werden.
Insbesondere den letzten Punkt, dass ich gezwungen werden kann, mir Werbung anzuschauen, finde ich unter dem Aspekt, dass ich für das Programm gezahlt habe unverständlich. Natürlich betont Astra, dass dies nur Möglichkeiten sind und es den Sendern freisteht, diese zu nutzen, aber das Argument finde ich genauso so fadenscheinig, wie wenn ich einem Junkie Heroin schenke und behaupten würde, dass er dieses ja nicht unbedingt nehmen wird.

Gab es doch schon einmal: ProSieben HD
Interessant auch hierbei das Verhalten von ProSiebenSat.1, die nach eineinhalb-jähriger Testphase die Sender ProSieben HD und Sat.1 HD Anfang 2008 kurzfristig wieder einstellten, weil die Zahl der möglichen Zuschauer in Deutschland zu gering sei. Laut Andreas Bartl, Vorstand der German Free TV (P7S1) in einer Pressemitteilung, komme die Chance „Unsere drei Vollprogramme nun in HD+ anbieten zu können […] genau zur richtigen Zeit“, denn es gäbe inzwischen 13 Millionen HD-fähige Flachbildschirme in Deutschland. So weit, so gut, nur müsste dann auch fairerweise dazu gesagt werden, dass die Zahl der HD-Fernseher-Besitzer, die einen Receiver mit HD+ bzw. CI+ besitzen, momentan so ziemlich genau bei null liegt. Und ob die Zuschauer sich unbedingt und in ausreichender Zahl in dieses kostenpflichte Abenteuer stürzen werden, bleibt abzuwarten.
Unity Media, Kabel BW, Kabel Deutschland und Co.
Nicht jeder in Deutschland hat Sat-TV. Egal ob freiwillig oder unfreiwillig, aber seit dem Ausbau des Kabelnetzes der damaligen Post-Telekom in den 80ern und Anfang der 90er weist Deutschland eine hohe und flächendeckende Verbreitung auf. Heute ist das Netz privatisiert und wird den drei großen, sowie diverser kleinerer Anbieter betrieben. Der Anteil der Zuschauer, die das Programm analog empfangen, ist bei dieser Verbreitung am höchsten, stellt dies auch die einzige Möglichkeit dar, heute noch auf so ziemlich jedem Fernseher das Programm ohne zusätzliche Empfangsgeräte oder Smartcards zu empfangen.

Wer Kabel will muss Kunde werden: Die deutschen Kabelnetzbetreiber
Aber die Anbieter versuchen mit mehr Service, mehr Qualität, mehr Vielfalt und weiteren Werbeversprechen, die Kunden zum Digitalfernsehen zu locken. Natürlich wird nicht so deutlich darauf hingewiesen, dass hier (bei den meisten Betreibern) selbst die normalen Privatsender, die analog problemlos zu empfangen sind, digital verschlüsselt werden. Ein gleichzeitiges Fernsehen in mehreren Räumen wird so beispielsweise erschwert.
Welche Sender man im Kabelnetz findet bestimmt zum einen die jeweils zuständige Landesmedienanstalt, die ein Grundpaket definiert. Darüber hinaus kann der Betreiber das Netz füllen. Neue Sender kommen aber häufig gar nicht oder verspätet in die Programmpakete der Zuschauer. Dies ist zum einen natürlich der Tatsache geschuldet, dass die Kapazität des Kabels nicht den gleichen Umfang hat wie die zahlreicher Astra-Satelliten, aber zum anderen hat dies natürlich auch strategische Ursachen, schaut man sich beispielsweise die Einspeisung von Sky an.
Sky in den Kabelnetzen

Seit 4. Juli 2009 heißt Premiere „Sky“
Der ehemalige Pay-TV-Sender Premiere, der heute den Namen Sky trägt, bietet in Deutschland zurzeit 7 HDTV-Sender an. Von diesen Sendern können Kabelkunden je nach Anbieter meist nur ein bis zwei Sender empfangen (eine Ausnahme ist hier Kabel BW die zurzeit alle sieben Sender einspeist). Vor dem Sky-Launch am 4. Juli 2009 bot Premiere nur zwei Sender in HD an: Premiere HD (Filme und Sport) und Discovery HD (Dokumentation). Somit mussten nur zwei HD-Sender eingespeist werden; falls nur einer eingespeist wurde, hat man sich für Premiere HD entschieden, da dieser das begehrtere Programm bot. Seit dem Sky-Launch ist Premiere HD in die Sender Sky Cinema HD (Filme) und Sky Sport HD aufgeteilt worden. Sky Sport HD sendet auf dem ehemaligen Kanal Premiere HD und Sky Cinema HD kam quasi neu hinzu. Dies hat zur Auswirkung, dass in Kabelnetzen, in denen ein Sky-HD-Sender zur Verfügung steht, dies der Sportkanal ist; werden zwei eingespeist ist es Sport und Discovery HD.
Was vor allem die Fußballfans freut, ist für Spielfilmfans natürlich bitter. Den schwarzen Peter schieben sich die beiden Parteien gegenseitig zu. Während Sky angibt, die Kabelnetze hätte zu wenig Kapazität, kontern diese, dass gar keine Anfragen von Sky für die Einspeisung weiterer HD-Sender vorlägen.

Sky versucht sich primär auf Vermarktung per Sat zu konzentrieren.
Schwer zu sagen, wo die Wahrheit liegt, denn auf der einen Seite versucht Sky, wie auch in Italien oder im Mutterland England sich primär auf die Verbreitung per Satellit zu konzentrieren, da diese günstiger und flexibler ist, als mit sämtlichen Kabelnetzbertreibern Verträge über Verbreitung zu schließen und hierfür auch zu zahlen (Zur Info: in einigen anderen Ländern zahlen die Kabelanbieter den Sendern Geld um diese verbreiten zu dürfen). Ob dies eine glücklich gewählte Unternehmensstrategie ist, in einem Land, in dem rund die Hälfte aller Zuschauer Kabelfernsehen nutzt darf bezweifelt werden.
Auf der anderen Seite ist Sky natürlich auch direkte Konkurrenz zu den Kabelnetzbetreibern, die selbst Pay-TV-Pakete geschnürt haben und diese kostenpflichtig an den Kunden bringen wollen. Jeder Zuschauer, der zum Beispiel Sport oder Blockbuster in Erstausstrahlung auf Sky sehen will, muss sich dies zu einem Basispaket hinzu auswählen. Somit zahlt jeder Kunde rund 16 Euro für ein Basispaket „Sky Welt“, das Sender wie FOX, TNT, SciFi, RTL-Crime, etc. enthält. Diese Sender bekommt er meist günstiger in den Paketen seines Kabelnetzbetreibers, doch wird er diese dort nicht buchen, wenn er diese bei Sky (gezwungenermaßen) als Nebenprodukt seines Sport- oder Filmabos bekommt.
T-Home Entertain, Sky und die Bundesliga
Die Telekom bietet sein einiger Zeit im Bereich IPTV (also Fernsehen über die Telefonleitung) ein eigenes Fernsehen an: Entertain. Hier ist sie so etwas wie ein Kabelnetzbetreiber; Internet und Telefon gibt’s gleich dabei (was bei den klassischen Kabelanbietern als sogenanntes TriplePlay ein optionales Plus ist). Der Empfang erfordert schnelles Internet, DSL mit 16 MBit sollten es schon sein, am besten gleich VDSL. Aufgrund zahlreicher weißer Flecken auf der DSL-Ausbaukarte und der Tatsache, dass VDSL nur in wenigen deutschen Großstädten verfügbar ist, verwundert es kaum, dass der Kundenstamm sich bei Entertain noch in überschaubarem Rahmen bewegt.

Egal ob Liga Total oder Sky Sport: Die Spiele sind die gleichen.
Auch hier hat der Kunde ähnlich wie beim Kabelfernsehen nicht die Möglichkeit, zu bestimmen, welche Kanäle eingespeist werden. Ein weiterer Nachteil ist aber zusätzlich, dass man für das Anschauen, ja sogar für das Starten des Receivers eine T-Online-Verbindung braucht. Wenn das Telefon/Internet mal gestört ist, kann man sich derweil nicht mit Fernsehen ablenken. Auch kann man im Internet über zahlreiche Probleme mit asynchronem Bild und Ton, vereinzelt schlechter Bildqualität oder die Receiver an sich lesen (Hier gibt es quasi nur ein Modell, das einen etwas zu schwachen Prozessor besitzt und mit Windows Mediaroom läuft).
Aber die Technik hat ihr Potential, vor allem, was die Kapazitäten im Vergleich zu den Kabelnetzbetreibern angeht: Während diese sämtliche Sender permanent über das Kabel schicken müssen, also die Bandbreite dauerhaft genutzt wird, wird bei IPTV jeweils nur das über die Telefonleitung gesendet, was der Kunde gerade in diesem Moment anschaut bzw. aufnimmt. Somit ist hier eine deutliche größere Senderfülle – auch gerade im Bereich HDTV möglich. Momentan wird diese leider jedoch nicht genutzt.
Ansonsten gibt es zu den Kabelnetzen noch einen gravierenden Unterschied: T-Home besitzt die Ausstrahlungsrechte der Fußball-Bundesliga (via IPTV). Bis zur letzten Saison hat man hier gerne das Angebot von damals Premiere angenommen und die Bundesliga dort produzieren lassen „Premiere Bundesliga powered by T-Home“ also. Die restlichen Premiere-Pakete hat man auch noch gleich mit eingespeist und als Resaler verkauft.
Seit der aktuellen Saison gibt es jedoch ein Problem: Die Telekom hat sich entschieden ein eigenes Bundesliga-Programm produzieren zu lassen: „Liga Total“, das auch mit ordentlichem PR-Aufwand und zahlreichen prominenten Namen beworben wird. Dies scheint momentan auch der Knackpunkt zu sein, weswegen die Verhandlungen zwischen T-Home und Sky recht fruchtlos verstreichen. Sky möchte, dass falls T-Home das Programm einspeist und anbietet, dies vollständig zu tun. Und T-Home ist jedoch bereit dies für alles außer Bundesliga bzw. somit alles außer Sport zu tun.

T-Home: Direkte Aufforderung an Kunden der Konkurrenz
Die Situation ist eine andere als im Kabelnetz, wo Sky zwangsweise die gleichen Sender wie die Kabelsender dazugibt. Wäre Sky vollständig per IPTV der Telekom empfangbar, hätte der Kunde die Möglichkeit, frei zu wählen, ob er die Bundesliga lieber mit Rahmenprogramm und Kommentar von Sky oder Liga Total sehen möchte. Und offenbar scheint man bei der Telekom nicht zu sehr von dem eigenen Angebot zu überzeugt zu sein, dass man fürchtet, zu viele würden sich für die konkurrierende Berichterstattung entscheiden (und das obwohl Liga Total im Gegensatz zu Sky beispielsweise alle Spiele in HD zeigt und nicht nur das Topspiel und auch alle Spiele jederzeit on-Demand abrufbar sind).
Momentan hat Sky – trotz eigentlich noch laufender Verhandlungen – verkündet, die Kooperation zwischen T-Home und Sky sei beendet, nachdem die Telekom eine Anzeige geschaltet hat, in der explizit (Ex-)Premiere-Kunden angesprochen werden, zu Liga Total zu wechseln. Sicherlich auch nicht der klügste Schachzug und der optimalste Moment.
Fazit
Egal ob Sky, die offenbar einen anderen TV-Markt in Deutschland vermuten, als dies tatsächlich der Fall ist und sich teilweise in einer Gottkönig-Art mit Kabel- und IPTV-Anbietern auseinandersetzen. Oder die Kabelnetzbetreiber, die effektiv dafür sorgen, das HDTV über diesen Weg erst mal keine zu starke Verbreitung erfährt. Astra und die großen deutschen Privatsendergruppen, die HD auch lieber im Stillen feiern wollen und stattdessen Gängelung als Vorteil für den Kunden verkaufen. Oder aber die Telekom, deren PR offenbar noch weniger von Taktik versteht als diese Vertrauen in ihr eigenes Programm hat.
All dies findet momentan und in naher Zukunft auf dem deutschen TV-Markt statt. Deutschland, ein Land das in Sachen HDTV ja fast schon Entwicklungsland ist, verglichen mit beispielsweise anderen Staaten Europas. Aber anstatt dem Kunden eine Wahl zu lassen, wird ihm diese häufig nicht gegeben. Anstatt mit Leistungen zu glänzen und den Kunden hiermit zu überzeugen, wird versucht, Konkurrenz auszugrenzen oder den Kunden einzuschränken.
Der Leidtragende hierbei ist natürlich der Kunde, der dann aber mit vollmundigen Werbeversprechen von den jeweiligen Anbietern geworben wird. Ob sich aber die Kundenzahlen nicht viel leichter steigern lassen, wenn man nicht zusätzliche Hürden einbaut, darüber scheinen die Unternehmen nicht nachzudenken.
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